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Kindheit in Favoriten

Aus dem Leben
Wegen meines schlechten Gesundheitszustandes bin ich nicht mehr allein in meiner Wohnung zurecht gekommen und habe hier im Kolpinghaus eine liebevoll betreute Bleibe gefunden. Nach über 60 Jahren bin ich heimgekehrt nach Favoriten. Hier bin ich geboren und habe meine Kinder- und Jugendzeit verbracht. Da die Wohnung meiner Familie durch Bombenangriffe total zerstört wurde, mußten wir 1945 in einen anderen Bezirk „auswandern“.

Vieles hat sich seither verändert, manches ist erhalten geblieben oder wieder aufgebaut worden.

Wenn ich vom Kolpinghaus den leb-haften Autoverkehr auf der Favoriten-straße beobachte, erinnere ich mich daran, daß es in den 1920-1930er Jahren im 10. Bezirk nur einige Autos gab. Transportiert wurden fast alle Waren mit Pferdefuhrwerken.

Früh morgens waren schon die typ-ischen Pferdewagen der Ankerbrot-fabrik unterwegs; Sie lieferten Brot und Gebäck zu den Greisslern. Beim Öffnen der Kastenwagentüren strömte einem der Duft des noch warmen Brotes entgegen. Obst und Gemüse wurden in Karren – von Mensch oder Pferd gezogen – aus den südlich von Wien gelegenen Orten wie Oberlaa, Rothneusiedl etc. zu den Lebensmittelgeschäften ausgeliefert. In großen Blechkannen wurde täglich frische Milch in die Milchgeschäfte gebracht. Käse wurde in großen Laiben, Butter in großen Blöcken angeliefert. Die Fleischhauer schlach-teten teilweise noch selbst, Wurst, Würstel, Sulz etc. wurden selber hergestellt. Die Brauereien belieferten die Wirtshäuser mit ihren typischen Pferdefuhrwerken, an denen die Holzfüße außen befestigt waren.

Elektrisches Licht gab es in den Wohnungen noch selten: Das Pe-troleum für die Lampe, ebenso Soda, Seife etc. zum Wäsche waschen, auch bereits „Nivea-Creme“ für die Schönheit bekam man in der Drogerie und Farbenhandlung.

Gerne übernahm ich das Einkaufen für meine Mutter. Noch heute erinnere ich mich an den typischen Eigengeruch jedes dieser Geschäfte. Die Waren waren ja nicht so verpackt wie heute, sondern wurden offen in Laden, Behältern oder Kisten aufbewahrt und nach Bedarf eingewogen.

Vor meiner Volksschule gab es eine Papierhandlung, wo man Hefte, Bleistifte, Federstiche mit Feder und Tintenfaß etc. kaufen konnte.

Daneben – am meisten besucht – befand sich ein „Zuckerlgeschäft“, wo man alles auch stückweise bekam; Schnitten, „Bensdorp“-Schokolade, Karamellen, Kokosstangerln, Zuckerln…Auch „Manner-Schnitten“ gab es bereits.

Gut einkaufen konnte man am „Platzl“, dem Viktor Adler Mark; wo auch die Bauern und Gärtner aus der Umgebung ihre Waren anboten. Ein Rest des alten Bauernmarktes befindet sich heute noch in der Leibnitzgasse, wo die Händler auf freistehenden Tischen ihre Waren anbieten.

Aber nicht nur schöne Erinnerungen werden in mir wach. Die 1930er Jahre waren die Zeit der unvorstellbaren Not durch die große Arbeitslosigkeit. Die Väter der damals kinderreichen Familien waren ohne Einkommen. Die Mütter mußten ihre Familie durch Gelegenheitsarbeiten wie Reinigungsarbeiten, nächtelanges Wäsche waschen usw. erhalten!

Die Kinder kamen verwahrlost und hungrig in die Schule. In meinem Jausensackerl war ein Schmalzbrot mit einem Apfel. Mutter hat mir jeden Tag ein zweites Sackerl für meine hungrige Nachbarin mitgegeben.

Die Hälfte meiner Mitschülerinnen hatte nicht einmal Schuhe zum Anziehen und kam bloßfüßig in die Schule!

Die schönsten Erinnerungen habe ich an meine Schulferien. Wir hatten einen Schrebergarten am Laaerberg unterhalb des „Böhmischen Praters“. Hier wohnten wir in einem Holzhäuschen von Mai bis Oktober. Dort hatte ich zahlreiche Spielgefährten, mit denen ich in die an die Gartenanlage angrenzenden aufgelassenen Lehmgruben „Räuber und Gendarm“ spielte und andere Abenteuer erlebte.

Am Laaerberg war und ist noch immer der „Böhmische Prater“, wo wir an den Wochenenden auf den dort befindlichen Ringelspielen fahren durften. Die aus dieser Zeit stammenden Ringelspiele werden noch heute gehegt und gepflegt und können noch immer benutzt werden.

Neue, moderne Attraktionen sind dazugekommen, aber auch der alte Werkelmann spielt noch seine alten Stückerln.

Im Sommer waren auch die hand-geschobenen Wagerln unterwegs: mit Eis, andere mit türkischem Honig, Zuckerwatte, Eibisch-Teig-Tieren, Schaumrollen, Würsteln, Salzgurken in Holzfässern, etc.

Auf der Anhöhe des Laaerberges waren und sind noch Reste des Laaer-Waldes, großteils ein Eichenwald. Von den Eicheln ernährten sich die Wildschweine, die mit Vorliebe vom Vater Kaiserin Maria Theresias gejagt wurden.

Von hier aus hat man einen herrlichen Blick zu den Donauauen, dem Marchfeld, im Osten bis zu den Hainburger Bergen in die ungarische Ebene und südlich ins Wiener Becken.

Ich freue mich, daß ich mich noch an manches aus meiner Kinderzeit erinnern konnte. Das Niederschreiben war für mich ein gutes Gedächtnistraining.

Marie Freihofner

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