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Einladung ans Leben

Dezember 2010

Erfüllung statt Warten: Im Kolpinghaus „Gemeinsam Leben“ ist Lebensqualität mehr als ein Schlagwort – hier ist sie das Ziel der täglichen Arbeit.

Von Präses Ludwig Zack

Ich sage Ihnen: Alt werden ist nicht schön, in unserem Alter schenkt uns das Leben nichts mehr – im Gegenteil, es wird uns immer mehr genommen!“ Diesen Satz hörte ich, der ich selbst schon lange weißhaarig bin, unlängst bei einem Kaffeeplausch mit einer unserer Hausbewohnerinnen.

Sorge: Ein Satz, der mir zu denken gab: Einerseits konnte ich dieser Dame nicht widersprechen, denn das „Altwerden“ kann man niemanden abnehmen, auch wenn man es – vor allem bei den

eigenen Eltern – noch so gerne tun würde. Und wenn schließlich der schwerste Schritt ansteht, die Mutter, der Vater, der Opa, die Oma muss ins Alters- oder Pflegeheim, dann sind zunächst alle Be-teiligten unglücklich, denn von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr, wie es war. Vorwürfe drängen sich auf und richten sich gegen alle, die an dieser Entscheidung beteiligt waren.

Das Neue, das Unbekannte, das da auf einen alten Menschen zukommt, ist bedrohlich – ob in Gedanken oder bereits ausgesprochen, drängt sich die Sorge auf: Wird das mein letztes Zuhause?

Andererseits kommen aber immer öfter auch Menschen zu uns, die das Wohnen in Gemeinschaft dem Alleinsein in ihrem bisherigen Zuhause vorziehen. Wer derart selbst bestimmt in einen neuen Lebensabschnitt eintritt, der hat den wichtigsten Schritt bereits getan: Dass diesen Me-schen nichts „genommen“ wird, erkennt man an der Zufriedenheit, die sie ausstrahlen. Und für andere, die sich in den neuen Gegebenheiten nicht so leicht zurecht finden, sind sie oft eine große Hilfe.

Wohlfühlen: Damit sind wir wieder bei jenem Punkt angelangt, auf den es uns in unserer Hauszeitung immer, in dieser Ausgabe aber ganz besonders ankommt: Die Qualität des Lebens auch in einer Situation, in der – um es mit den Worten meiner Gesprächspartnerin vom Beginn dieses Artikels auszudrücken – einem (scheinbar oder auch tatsächlich) „nichts mehr geschenkt wird“. Sich in eine solche Lebenssituation hinein zu finden und sich dann dort dauerhaft wohl zu fühlen, das hat mit Lebensqualität zu tun. Diese gerade in veränderten Lebensumständen erfahrbar zu machen, das ist die Vision und die Herausforderung, für die unser Kolpinghaus „Gemeinsam Leben“ steht.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an meine Großmutter. Als sie in sehr hohem Alter krank wurde, stellte ihr meine Mutter das Bett einfach in unsere kleine Küche. Als wir Buben aus der Schule nach Hause kamen, waren wir ziemlich überrascht und bestürmten die Mutter mit der Frage: „Warum hast du die Oma nicht im Zimmer gelassen? Da heraußen hat sie ja keine Ruhe.“ Knapp hat uns die Mutter damals geantwortet: Die Oma brauche nicht nur Ruhe, sie brauche auch Aufmerksamkeit, denn „sie will wissen, wann ihr von der Schule kommt, ob ihr eure Aufgaben macht, sie will riechen, was ich koche, und sie will mir beim Bügeln zuschauen“.

Dranbleiben: So haben wir Kinder nach und nach begriffen, dass auch alte Menschen verschiedene Bedürfnisse haben und dass es deshalb nicht genügt, sie „nur“ zu versorgen, sondern dass nicht zuletzt auch das „Dranbleiben“ am sozialen Leben ein wesentlicher Faktor für Zufriedenheit ist.

Heutzutage ist das Altwerden im Kreis der Familie vielfach natürlich nicht mehr möglich, denn die gesellschaftlichen Strukturen haben sich massiv verändert. Der Grund, warum Menschen in unser Haus kommen, ist daher oft ein zwingender: Allein geht es einfach nicht mehr. Diesen zwingenden Grund aufzulösen und den Blick wieder frei zu machen, auf das, was die veränderte Situation an Chancen bietet, darin besteht die Kunst des Neubeginns.

Im Kolpinghaus „Gemeinsam Leben“ tragen alle MitarbeiterInnen dazu bei, dass sich die BewohnerInnen geborgen und sicher aufgehoben wissen. Voraussetzung dafür ist auch eine gelungene Architektur: Gelegenheiten zur Begegnung zwischen Alt und Jung, zwischen Bewohnern und Besuchern, zwischen Mitarbeitern und Angehörigen wurden deshalb bereits bei der Planung berücksichtigt.

Erleben: Wenn sich unsere HausbewohnerInnen gut aufgehoben und umsorgt fühlen, weil ihnen jemand die vielen kleinen und großen Handgriffe und Herausforderungen – von der Körperpflege bis zum Einkaufen, vom Kochen bis zum Einheizen – abnimmt, die alleine zu bewältigen, bereits schwierig geworden ist, dann wird der Weg langsam wieder frei für Erlebnisse, die über die täglichen Sorgen hinaus gehen.

Solche Erlebnisse kommen aber nicht von selbst. Sie müssen vorbereitet, und die Menschen müssen dazu eingeladen werden. Deshalb haben wir in unserem Kolpinghaus eine eigene Abteilung geschaffen, die, sich selbst im Hintergrund haltend, diese erweiterte Lebenssicht in vielfältiger Form in die Wege leitet, fördert und begleitet – das Haus schmückt, Geburtstagsfeiern ausrichtet, Konzerte, Ausflüge und vieles mehr organisiert. Was bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht als der in vielen Institutionen übliche Aktivismus erscheinen mag, beruht in unserem Haus auf einer tiefen Überzeugung: Der Mensch – gleich welchen Alters – braucht für ein erfülltes Leben mehr als das Notwendige; in seiner vielfältigen Begabung soll jeder das finden, was ihm für seine ganz persönliche Lebensgestaltung wichtig ist, was ihm hilft und was ihn bereichert. Für den einen sind das schöne Bilder oder gute Musik, für die andere sind das interessante Begegnungen oder berührende religiöse Feste.

Einladen: Doch das alles soll nicht nur konsumiert werden! Wir wollen die Menschen dazu einladen, ihre Wünsche, ihre Erwartungen, ihre Fähigkeiten selbst in das Spiel des Lebens einzubringen. Dafür gibt es im Haus viele Möglichkeiten: Die einen musizieren, die anderen lesen ihre Gedichte vor, wieder andere passen auf unsere MUKI-Kinder auf.

Daraus entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Durch Anerkennung und Aufmunterung, durch lockeres, belangloses Plaudern oder aber auch durch lange tiefgründige Gespräche wird vieles wieder lebendig, das unsere BewohnerInnen an die Tage im Kreis ihrer Familien erinnert.

So wird die Zeit, die Menschen im Kolpinghaus „Gemeinsam Leben“ verbringen, nicht zu einem Warten auf die letzte Stunde, sondern zu einer Einladung an das Leben, zu einer Aufforderung an die Kreativität, zu einer Möglichkeit, aus dieser Zeit etwas zu machen: für sich selbst und für die Mitbewohner.

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