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Ein Berliner in Wien

Aus dem Leben

Ich wurde gefragt, ob ich denn auch über mein Leben etwas erzählen möchte. Zuerst dachte ich, das kann ich nicht, denn es wäre so Vieles wie bei allen Menschen zu sagen. Dann aber entschloss ich mich doch zu schreiben.

Wo beginnt man da?

Deutschland lag ganz am Boden. Berlin war wie so viele andere Städte ein Trümmerhaufen, in denen nur noch wenige Mauerreste in den Himmel ragten. Es gab nur wenige Wohnmöglichkeiten, und auch diese waren schwer beschädigt.

Und nun zu mir:

Ich wollte immer ein Musiker werden und Musik studieren. Gott sei Dank war wie durch ein Wunder die Berliner Musikhochschule noch ganz geblieben! Und so war es mir halb verhungerten Menschen noch möglich mich für ein Studium anzumelden. Ich träumte davon, einmal ein bekannter Klarinettist zu werden. Es ist nicht einfach, an einer so berühmten Universität genommen zu werden. Und so ging ich mit schlotternden Knien und Angst aber auch Hoffnung zu einer Aufnahmsprüfung in die Hochschule. Vorkenntnisse hatte ich ja schon, denn mein Leben bestand aus einer Klarinette und üben, üben, üben. Mein Vater bestärkte mich in meinem Wunsch, nicht gerade liebevoll, aber doch. Es ist immer schwierig, auch wenn man Talent hat, sich durchzusetzen! Man glaubt der Einzige zu sein, doch die Hochschule war voller junger Talente. Es ist viel hartes Durchhaltevermögen notwendig. Ich bestand die Aufnahmsprüfung. Also hieß es weiter lernen.

Wir hatten in einem zerbombten Haus zwei Zimmer, in die es zwar hineinregnete, aber es gab dennoch eine Ecke, wo ich üben konnte. In dem Haus war ein Fleischerladen. Hier konnte ich üben ohne die Nachbarn zu stören, denn ein Klarinettist ist, wenn er den ganzen Tag üben muss, für andere eine Zumutung.

Der kommende Winter war bitter kalt und in meiner „Übungsecke" fror ich wie ein Hund. Meine Mutter schnitt von meinen alten Handschuhen die Fingerkuppen ab, und so konnte ich spielen. Mein Professor machte sich Sorgen um mich, denn ich wurde immer dünner.

Zum Glück hörte man beim Üben meinen knurrenden Magen nicht. Die Klarinette übertönte alles. Sicherlich war das eine sehr, sehr schwere Zeit, aber nicht nur für mich. Mein Professor besorgte mir einige „Mucken" zu machen. Das heißt ein Student bekommt die Möglichkeit zu spielen, wenn er wo gebraucht wird. Nur gab es als Gage kein Geld, sondern Lebensmittel. Um eine Kante Brot musste man viele Stunden spielen. Die Menschen wollten sich ein wenig unterhalten, denn nur Schutt wegzuräumen war wohl nicht genug. Irgendwie wollte man aufbauen und ein neues Leben beginnen. Ich sitze heute in Wien in einer Halle von einem Kolpinghaus und meine Gedanken gehen weiter zurück.

Mein Studium ging weiter und ich hatte viele Prüfungen zu bestehen. Mein Vater war auch Berufsmusiker und als er aus dem Krieg zurück war, versuchte er meine Mutter und mich irgendwie durch zu bringen. Er war sehr streng und wenn meine Freunde auf der Straße spielen durften, hieß es immer nur: „Nein, du musst üben!" Als ich dann an der Hochschule die Abschlussprüfung mit SEHR GUT bestand, ging ich zu meinem Vater, weil ich sehr stolz war. Er aber sagte nur: „Ich habe das von dir nicht anders erwartet." Ich war doch etwas enttäuscht, denn ich hoffte, er würde mir etwas Geld geben für eine Kinokarte.

Ich ging nach Braunschweig ans Theater als Klarinettist für drei Jahre. Bedenke, ich war noch sehr jung. Eigentlich wollte ich nicht immer im Orchestergraben sitzen. Als die dritte Spielzeit zu Ende war, kündigte ich, denn ich wollte von der Welt etwas sehen. Ich ging nach Hamburg und hoffte dort ein Engagement zu bekommen. Eine Weltstadt, Reeperbahn, und so weiter lockten mich. In Hamburg angekommen, ging ich zum Arbeitsamt für Künstler. Der Leiter fragte mich, was ich könne und welche Ausbildung ich hätte. Er sagte nur: „Nun vergessen Sie die Arbeitslose".

Gestern ist ein Schiff aus Übersee eingetroffen mit einem großen Showorchester, die jemanden suchten, der mehrere Instrumente spielen konnte. Ich hatte ja auch andere Instrumente lernen müssen. Das war das Richtige für mich. Von da an fuhren wir durch die halbe Welt. Ich hatte mein Ziel erreicht!

Nun sitze ich hier in Wien und bin nach langen Wegen von meinem Sohn zum Betreuten Wohnen gekommen. Zuerst hatte ich Bedenken mit meiner Berliner Schnauze im charmanten Österreich zurecht zu kommen, aber man hatte es mir sehr leicht gemacht und ich bin hier endlich zu Hause angekommen. Ich bin den vielen netten Menschen, die mir zur Seite stehen, wenn ich etwas brauche dankbar, da ich ja auch nicht mehr der Gesündeste bin. Auch, dass sie mir mal meine Berliner Schnauze verzeihen.

Wolfgang Schulze

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