Wahre Schätze

älterer Hausbewohner mit ehrenamtlicher Mitarbeiterin

Freiwillig, ehrenamtlich, kostenlos: „Geld macht glücklich, wenn man´s hat, wenn man´s braucht“, so oder so ähnlich lautete einst ein beliebter Werbeslogan. Doch der Mensch lebt nicht vom Geld allein, denn die wirklichen Schätze sind letztendlich unbezahlbar.

Von Präses Ludwig Zack

Wer kennt sie nicht, die Sprichwörter angefangen von „Was nichts kostet, ist nichts wert!“ über „Alles im Leben hat seinen Preis!“ bis hin zum unvermeidlichen „Geld regiert die Welt“. All diese Volksweisheiten kreisen letztendlich um die eine, uns Menschen seit jeher beschäftigende Frage: „Wie erreiche ich die größtmögliche Lebenszufriedenheit?“

Nicht alles gewesen: Nur allzu oft stehen Geld, Ansehen und Besitz im Mittelpunkt dieser Glückssuche. Doch so wie alles dem Wandel unterworfen ist, wandelt sich im Laufe des Lebens irgendwann auch die Einstellung zu Geld und Erfolg. In jüngeren Jahren geht es vielen Menschen vor allem darum, möglichst schnell, möglichst leicht, möglichst viel zu verdienen, denn in der uns täglich von Zeitungen und Fernsehen ins Haus gelieferten Welt der „Schönen und Reichen“ zählen Glamour, Villa und Yacht eben mehr als alles andere.

Doch viele, die es „geschafft“ haben, gelangen irgendwann zu der Einsicht: Ich habe zwar alles, aber das kann doch nicht alles gewesen sein! Denn um Geld kann man zwar vieles kaufen, aber nicht das Schwanzwedeln eines Hundes, nicht das Quietschen eines Babys, nicht die Wärme ehrlicher Zuneigung.

Die Erkenntnis, dass das wirklich Teure und Kostbare tatsächlich unbezahlbar ist, kann die bisherige Werteordnung ganz schön aus den Angeln heben. Konsum und Prestige verlieren an Bedeutung, der Blick richtet sich hin zu den wahren Schätzen des Lebens und führt schließlich zu einem neuen Umgang mit allem und jedem – nicht zuletzt auch mit der eigenen Zeit.

Gottes Lohn: Mit der Abwendung von in Geld gemessenen Leistungseinheiten hin zum mit und für andere gelebten Augenblick beginnt die Welt der Freiwilligen – also die Welt jener, die für „Gottes Lohn“ arbeiten; jener, die anderen ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit und ihre Zuwendung schenken wollen – aus freien Stücken und ohne Bezahlung. Und schon kehrt sich der Satz, „Was nichts kostet, ist nichts wert!“, in sein Gegenteil: Gerade weil ihre Zeit nichts kostet, gerade weil sie verschenkt wird, ist sie so viel wert – unbezahlbar viel!

In unserem Kolpinghaus erleben wir immer wieder, wie Menschen sich verändern, deren Vater oder Mutter über Nacht zu einem Pflegefall wird. Plötzlich werden auch sie aus ihrem Alltag gerissen, müssen sie Zeit finden, die sie nicht haben – und wissen oft selbst nicht, woher sie plötzlich die vielen Stunden nehmen, die sie nun regelmäßig bei ihren pflegebedürftigen Angehörigen verbringen.

Doch in unserem Kolpinghaus „Gemeinsam Leben“ engagieren sich auch viele Menschen, die ihre Zeit nicht nur an ihre Allernächsten, sondern auch an andere verschenken, denen es – aus welchen Gründen auch immer – nicht gut geht. Gerade Menschen, die sich ein Berufsleben lang auf Punkt und Beistrich nach Anordnungen und Vorgaben richten mussten, finden große Freude daran, etwas tun zu können, was sie nicht tun müssen, weil es jemand von ihnen verlangt, sondern allein deshalb, weil sie es tun wollen!

Hausbewohnerin mit ihrer Bastelarbeit

Neue Fähigkeiten: Oftmals werden dabei völlig neue Fähigkeiten entdeckt und Erfahrungen gemacht, die früher, als sie noch in den beruflichen Leistungstrott eingespannt waren, einfach keinen Platz in ihrem Leben fanden: langsam auf den anderen zugehen, mitfühlen, Beachtung schenken, Anerkennung bekommen, Freundschaften schließen.

Immer wieder höre ich, mit welch tiefer Zufriedenheit ehrenamtliche Tätigkeit erfüllen kann. Ich erlebe, welch große Ruhe viele unserer freiwilligen Mitarbeiter ausstrahlen, weil sie endlich einmal etwas tun können, was andere glücklich macht und deren Leben so sichtbar zum Besseren verändert – dadurch, dass sich jemand um sie kümmert, um sie sorgt, um sie annimmt.

Die Rose: Dazu fällt mir eine Geschichte von Rainer Maria Rilke ein: Eines Tages um die Mittagszeit kam der Dichter in Begleitung einer jungen Französin an einer Bettlerin vorbei, die – immer an derselben Stelle sitzend – Almosen entgegennahm, ohne auch nur einen Blick auf die Gebenden zu verschwenden. Rilke ging scheinbar achtlos an ihr vorüber, was seine warmherzige Begleiterin doch einigermaßen verwunderte. Rilke gab ihr daraufhin zu verstehen, dass es im Falle dieser Frau besser wäre, ihrem Herzen und nicht ihrer Hand zu schenken.

Einige Tage darauf legte er der Bettlerin eine frisch erblühte Rose in ihre um Almosen bittende Hand. Da geschah etwas völlig Unerwartetes: Die Frau blickte zu ihm auf, erhob sich mühsam vom Boden und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang blieb sie verschwunden, dann saß sie wieder an ihrem gewohnten Platz. Auf die Frage seiner jungen Begleiterin, wovon die Frau in der Zwischenzeit wohl gelebt hätte, antwortete Rilke: „Von der Rose!“

Diese Geschichte erinnert uns daran, dass der Mensch nicht nur vom Geld allein leben kann, sondern dass es immer wieder jemanden braucht, der bereit ist, seinem Nächsten eine Rose im Sinne Rainer Maria Rilkes zu schenken – freiwillig, ehrenamtlich und kostenlos.

beim Ballspielen Ehrenamtliche mit Hausbewohnerinnen im Park

 
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